Eine haarige Angelegenheit

Nov. 27, 2020Bücher und Kunst0 Kommentare

Gestern habe ich im Ö1 Morgenjournal gehört, dass der heurige Preis der Kunsthalle Wien an Abiona Esther Ojo und Huda Takriti vergeben wird, in deren Arbeiten ihre Herkunft und die Themen Migration und Integration eine wesentliche Rolle spielen, so der Beitrag. Meine Neugierde war geweckt – und so habe ich mir die Künstlerinnen näher angesehen.

 

Magie steckt in jeder Strähne

 

Einen wie ich finde total spannenden Zugang zu Fragen der Identität und Repräsentation Schwarzer wählt die Absolventin der Akademie der bildenden Künste Abiona Esther Ojo: Haare, genau genommen Afro-Frisuren und deren sozial-politischen Implikationen. Ihre Installation soll ab 11. Dezember (so der Lockdown es will) in der Kunsthalle zu sehen sein. Und dass das Thema Haare in diesem Zusammenhang wirklich ein Thema ist, ist auch in dem ORF-Video „Fragen, die People of Color nicht mehr hören können“ (leider nur mehr über Facebook abrufbar) sehr gut herausgekommen:

 

Screenshot vom 27.11.2020

 

„Darf ich deine Haare angreifen?“

 

Diese Frage bekommen Schwarze oft zu hören, und Nancy meint im Video dazu: „Das ist übergriffig, das ist einfach so übergriffig“. Meist sind bei der Frage die Finger des Gegenübers auch schon mittendrin in den Haaren… Diese Erfahrung macht auch der österreichisch-syrische Autor Omar Khir Alaman mit seiner Lockenmähne, der er in seinem Buch „Danke“ (übrigens Lesetipp!) sogar ein eigenes Kapitel „Haare“ gewidmet hat: „Immer wieder kommen Leute auf mich zu, die meine Haare anfassen wollen. Auf der Straße. Im Bus. In Lokalen. Überall. Manche fassen sie auch an, ohne dass ich es zuvor erlaubt habe“, schreibt er.

 

Screenshot https://www.omarkhiralanam.com vom 27.11.2020

 

Das Aufeinanderprallen zweier Kulturen auf einem Kopf

 

So bezeichnet Omar die Symbolkraft seiner Haare, und kann ihr aber inzwischen auch etwas Positives abgewinnen: Durch seine auffällige Haarpracht kommt er mit Leuten ins Gespräch und es liegt an ihm, die Türen, die ihm dadurch geöffnet wurden, auch offen zu halten. Darum bedankt er sich am Ende des Kapitels sogar bei seinen Haaren.

 

Hair – grow it, show it…?

 

Eine überaus spannende Geschichte über Haare erzählt auch Sofi Oksanen in ihrem Roman „Die Sache mit Norma“. Oksanen ist eine finnisch-estnische Schriftstellerin. Sie beschreibt in ihren Romanen sehr eindringlich die konfliktreiche Immigration aus dem sowjetischen Estland nach Finnland – und wie es sich als estnische Frau anfühlt, in Finnland zu leben. Sehr lesenswert! In diesem Buch allerdings geht es um eine Frau, die ein tragisches Geheimnis hat – und dieses hat mit ihren Haaren zu tun. Viel mehr sei hier schon nicht verraten über diese rätselhafte Familiensaga, die aber durchaus auch Gesellschaftskritik und vor allem Kritik an der Vermarktung des weiblichen Körpers übt.

 

An den Haaren herbeigezogen?

 

Ich finde nicht! Denn es gibt zahlreiche Beispiele aus Kunst, Kultur oder Literatur, bei denen es sich um Haare dreht – Stichwort Musical Hair, Medusa, Rapunzel… Welche Beispiele fallen euch noch ein und wofür stehen Haare in deren Kontext? Let me know 🙂

Das könnte dich auch interessieren

Pompeji und die „heilige Familie“

Pompeji und die „heilige Familie“

Eine Radiomeldung ließ mich unlängst aufhorchen: Die Geschichte von Pompeji, das 79  n. Chr. bei einem Vulkanausbruch unter Asche begraben wurde, muss teilweise neu geschrieben...

mehr lesen
Mit dem Hammer auf dem Holzweg

Mit dem Hammer auf dem Holzweg

Kennen Sie berühmte „Hammer-Geschichte“ von Paul Watzlawick? Es geht um einen Mann, der ein Bild aufhängen möchte, und einen Nagel aber keinen Hammer hat. Er weiß, dass der...

mehr lesen